Archive | 2009

Die Startphase

10. Nov 2009

 

Über den Sommer erhebt Elke B. Bachler (kreaWERFT) die Situation in den beiden Straßen und sammelt Basisinformationen für  das „Pilotprojekt Jakominiviertel. Ziel des Projekts, das auf drei Jahre angelegt ist: Die Ansiedlung  von designorientierten Handwerksbetrieben bzw. Unternehmen der Kreativwirtschaft soll für frischen Wind in den beiden Straße sorgen.

Die tragenden Säulen des Modells:

  • Ein Mietfördermodell  wird die Kosten der Nettomiete im ersten Jahr um 50 Prozent verringern, im zweiten um 40 Prozent und im dritten um 20 Prozent.
  • Durch eine “Visuelle Klammer“ soll der Straßenzug optisch hervorgehoben an Attraktivität und Identität gewinnen.
  • Eine mit der Koordination betraute Person soll vor Ort als Schnittstelle zwischen allen Beteiligten fungieren.

Der Gemeinderatsbeschluss im November beschließt die für Projektfinanzierung  notwendigen Mittel (711 000 Euro).

Foto: © jakominiviertel.at

Der Prototyp

15. Jul 2009

„Schön, dass Sie vorbeischauen!“ heißt es im Juli. Schwarze  Braille-Schrift auf gelbem Grund. Definitiv einladender und spannender als die desolaten Fassaden, die hinter den großformatigen Plakaten verschwinden. Konzipiert werden die Sujets von Kreativen des ESC Kunstverein, die in der Jakoministraße 16 den Prototyp  ansiedeln: einen Schauraum und zugleich Vertriebslokal für künstlerische Produkte und Prototypen.

Foto: © jakominiviertel.at

Die Idee

20. Feb 2009

Frühjahr 2009. Sechs Geschäftslokale stehen in der Klosterwiesgasse leer, in der Jakoministraße ums Eck sind es zwölf. Der Zustand vieler Fassaden, an denen Einheimische und Touristen auf  dem Weg ins Zentrum der Stadt vorbeikommen, lässt zu wünschen.

Das Team der Wirtschaftsabteilung der Stadt Graz diskutiert Möglichkeiten, beide Straßen zu beleben. In Gesprächen mit Creative Industries Styria (CIS) und Citymanagement  reifen die Pläne. Im März wird das Konzept zur Neupositionierung des Viertels  erstmals öffentlich präsentiert.  Im April wechselt die Ressortverantwortung von Bürgermeister Mag. Siegfried Nagl zur neuen Stadträtin Mag. (FH) Sonja Grabner.

Wie in kaum einem anderen Stadtteil von Graz, sind im Bezirk Jakomini und in den Straßenzügen, die nun durch die roten Laufbahn markiert sind, Erinnerungen ans 18. Jahrhundert zu entdecken. Wer damals in die Jakominivorstadt ging, kam an den ebenerdig gelegenen Läden und Werkstätten von Gewerbetreibenden vorbei. In den ein- oder zwei Geschoßen darüber wohnten die Familien. In den dahinterliegenden Höfen war noch Platz für Werkstätten, Wohnräume für Knechte und die Kleintierhaltung für den Eigenbedarf.

Seinen Namen hat der Bezirk von Kaspar Andreas Ritter von Jacomini-Holzapfel-Waasen. Als am Ende des 18. Jahrhunderts die Festungsmauern geschliffen wurden kaufte er den Großteil der Grundstücke südlich des Eisernen Tores. Später verkaufte er die Baugründe am linken Murufer weiter und allmählich wuchs die „Jakominivorstadt“ Haus um Haus.

An die Wiesen, die vor 200 Jahren zu einem viel älteren Kloster gehörten, erinnert noch der Name Klosterwiesgasse. Der gewundene Bachverlauf ist im Namen und im Verlauf der Grazbachgasse geblieben. Die wichtige ehemalige Ausfahrtsstraße von Graz in Richtung Süden durch die Münzgrabenstraße wurde langsam von der inneren und äußeren Jakoministraße (seit 1935 Conrad von Hötzendorf Straße) abgelöst.

Der Baustil der Vorstadt

Auf ein paar der alten Gebäude ist noch die Fassadengliederung des 18. Jahrhunderts zu erkennen, insbesondere der josephinische Plattenstil. Etwa am Haus Jakominiplatz 16, das Caspar Andreas Edler von Jacomini 1786/87 für sich selbst als Wohnhaus errichten ließ, oder „Zum Eisernen Ritter“ am Anfang der Klosterwiesgasse. Charakteristisch für diese „vorgründerzeitlichen“ Bauten der Vorstadt sind die niedere Geschosshöhe, sparsamer Deckenstuck, alte Holzstiegen und schmale Eingangstüren.

Viele der Gebäude wurden von Baumeister Josef Benedikt Withalm d. Ä. errichtet. Sein Stil zeichnet sich u.a. durch vertikal verbundene Fensterachsen aus und dem “Schabrakendekor”. So nannte man den Fassadenschmuck, der wohl auf den Einfluss von italienischen Stadtansichten zurückzuführen ist. Die dort abgebildeten Menschen lehnten aus den Fenstern und stützten “ihre Arme auf Schabraken, meist mit Quasten verzierte Überwürfe auf den Fensterbänken.“

Die repräsentativen Straßenfassaden waren durch gleichartige Motive zusammengefasst und möglichst gleich hohe Gesimse sorgten für eine perspektivische Gesamtwirkung. Wohl bedacht und sogar gesetzlich geregelt waren aber auch die Blickachsen,  die  – Herrn Jakomini beispielsweise beim Blick aus seinem Haus auf die Altstadt und Stadtpfarrkirche  – ungestörte Sicht einräumten und und höhere Gebäude in diesem Bereich untersagten.

Vom Grazer Stock zum Glasportal

Viele dieser spätbarocken Gebäude wurden leider in den vergangenen Jahrzehnten entstellt und verloren die charakterische Fassadengliederung. Die historischen hölzernen Fensterläden verschwanden und mit ihnen die charakterische Fensterform, der „Grazer Stock“.

Aber noch im 20. Jahrhundert war die Jakoministraße eine bedeutende Geschäftsstraße. Fotos erinnern an angesehene und aufwändig gestaltete Modegeschäfte, Fotografen u.a.  Zwischendurch haben sich ein paar  Geschäftsfassaden mit avantgardistischen Stahlkonstruktionen und gebogenen Glasflächen erhalten, die in den 1930er Jahren von den angesehensten Architekten der damaligen Zeit entworfen wurden.

Anfang des 21. Jahrhunderts leben rund 30.000 Menschen im 6. Grazer Gemeindebezirk. Während am Stadtrand Einkaufszentren wachsen, verliert die  ehemals beliebte Flaniermeile in der Jakoministraße und der benachbarten Klosterwiesgasse ihre Anziehungskraft.  Von “leerstehenden Geschäfte, schwer verwertbaren Substanzen und unglücklichen Geschäftsinhabern”  berichten nicht nur Studierende, die im Jahr 2006 “Nutzungsvisionen” erarbeiten.  Dass sich die Straßenbahnlinien Linie 4 und 5 in kurzen Intervallen durch die schmale Jakoministraße drängeln, macht die Suche nach Lösungen nicht einfacher.  Kundinnen und Kunden bleiben aus, obwohl die Videowall am Verkehrsknotenpunkt Jakominiplatz mit täglich 80.000 Kontaktchancen wirbt.

Fotos: Thümmel, Hermst, colourspace

Quelle:: Erika Thümmel, Robert Engele “Damals in Graz”