Allein arbeiten ist die Pest

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Coworking Spaces gibt es mittlerweile ja mehrere in der Stadt. Und trotzdem ist FUFFZK anders. Woran das liegt? Nach einem Gespräch in der Bürogemeinschaft vermuten wir, dass es vor allem mit Brauchst, Studio Magic und Patricia Wess zu tun hat.

Bewegung auf Nummer 50 meldeten wir vor einem Jahr. Kurze Zeit später waren die Renovierungsarbeiten mit viel Eigeninitiative und kleinem Budget abgeschlossen und der Verein Jakominiviertel lud zur Eröffnung in die Grazbachgasse 50. Von Anfang an mit dabei, war die Architektin Patricia Wess. Sie hatte gemeinsam mit Erika Thümmel multifunktionale Arbeitsräume für Kreative und leistbare Konditionen für den Start in die Selbständigkeit gesucht und – gefunden. FUFFZK: zwei hohe Räume, in denen Schreibtische sogar übereinander Platz finden, eine Werkstatt, eine Küche und als Alternative zu den endlosen Autoschlangen vor der Vordertüre empfiehlt sich der Hinterhof für die Pause – oder der Blick aus dem Küchenfenster.

FUFFZK, Studio Magic und Verein Jakominiviertel gäbe es nicht ohne sie: Patricia Wess, Architektin, Ausstellungsgestalterin und und und
FUFFZK, Studio Magic und Verein Jakominiviertel gäbe es nicht ohne sie: Patricia Wess, Architektin, Ausstellungsgestalterin und und und

Studio Magic
Mit Wess, die im FUFFZK auch die Aktivitäten des Vereins Jakominiviertel koordiniert, zog Thomas Kalcher in die Bürogemeinschaft. Kein Zufall. Die beiden kennen sich seit dem Architekturstudium und machen seit ein paar Jahren zwei Zehntel eines Kollektivs aus, das unter dem Namen Studio Magic interdisziplinär in den Bereichen Architektur, Stadtforschung, Ausstellungs-, Möbeldesign und bei Interventionen im öffentlichen Raum zusammenarbeitet. Die übrigen Mitglieder von Studio Magic haben ihre Büros in Innsbruck, Bad Goisern und Wien und arbeiten auch an Einzelprojekten oder Kooperationen mit anderen Teams.

Verbindlich sind gemeinsame Projekte, in denen die Vielfalt an persönlichen Standpunkten, unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen aus der Praxis zwischen Tirol, Wien und Graz viel Platz hat. Auf diese Weise hat sich die Gruppe in kurzer Zeit mit außergewöhnlichen Ideen für Wettbewerbe einen Namen gemacht. Zu viert haben sie temporäre Interventionen und langfristige Konzepte für urbane Räume und fürs Landleben geplant und umgesetzt

Ideen für einen Ort mit Geschichte: Architekturgespräche rund um den alten Neuberger Bahnhof
Ideen für einen Ort mit Geschichte: Architekturgespräche rund um den alten Neuberger Bahnhof

Stadt Land
Beispielsweise im Architektursommer 2015. Da begaben sich „The Magic Low Archi Riders“ mit einem mobilen Architekturbüro auf Streifzug quer durch die Steiermark – von Bad Radkersburg nach Bad Aussee.
Die Idee: Beratung gegen Essen und Trinken. Knödel und Speck für Küchentipps. Cappuccino gegen Terrassengestaltung.

archsommer trailer 1_1 from Patricia Marconi on Vimeo.

Ein niederschwelliges Experiment, in dem die ExpertInnen das Gespräch suchten und ihr Angebot im wahrsten Sinn des Wortes auf den Tisch legten. Am Köflacher Hauptplatz, im obersteirischen Café, beim Gespräch am Bauernmarkt. Man sprach über Geländer, Fliesen und Baufehler, über zeitgenössische Architektur im Allgemeinen oder ganz konkret um Anforderungen an Fenster, die einfach zu reinigen sind.
„Die Reaktionen waren durchwegs positiv und vor allem für uns selbst ein Gewinn“, erinnern sich Kalcher und Wess an inspirierende Gespräche.

studio magic 11

Suchen, erkennen, Vorhandenes verstehen, um auf der Basis der gesammelten Ergebnisse Orte zu gestalten oder Interventionen zu schaffen. In dieser Reihenfolge näherte sich das Team auch den anderen Vorhaben, die gemeinsam entworfen und umgesetzt wurden: zuletzt unter anderem das Haus der offenen Tore im steirischen Herbst oder die Gestaltung des leerstehenden Bahnhofs in Neuberg.

Rainer Edler, Gernot Pichler und ihr Stadtmöbel
Rainer Edler, Gernot Pichler und ihr Stadtmöbel

Brauchst
Das Interesse an sozialen Fragen, am interdisziplinären Feedback und der experimentelle Zugang bei ihrer Arbeit verbinden die Magics mit dem zweiten Kollektiv, das sich ebenfalls mit der optimalen Gestaltung von öffentlichen wie privaten Räumen beschäftigt: Brauchst. In der Langform heißen sie Rainer Edler, Gernot Pichler, Thomas Mayer und Günter Radl. Im Portfolio der „Gestaltungswerkstatt“ findet man Konzepte und Produkte für die analoge und digitale Welt – Prototypen, Möbel, Drucksorten, Fotografie, Virtual Reality, Programmierung und Websites. Rainer Edler sieht die Zusammenarbeit von Experten verwandter, aber doch unterschiedlicher Branchen als wesentliches Qualitätskriterium. „Bei handwerklichen Details, bei Fragen der Ästhetik, bei der Materialauswahl und vielen anderen Fragen zeigt sich der Wert von gutem Teamwork ganz klar“, meint der Spezialist für Virtual Reality. „Allein arbeiten ist die Pest.“

2 von 280.000: zum Besitzen
2 von 280.000: zum Besitzen

280.000 Bankerl
Kooperation statt Konkurrenz. Wie das funktioniert, zeigt etwa das Beispiel der „Bankerl“, bei der die vier von Brauchst eine Initiative aufnahmen, die 2016 Rahmen des EU-Projekts Human Cities in Kooperation mit der FH Joanneum und dem Verein Jakominiviertel thematisiert wurde.

Wie können wir Durchgangszonen in konsumfreie Räume verwandeln, wo Menschen gerne zusammenkommen und bleiben? Wie lässt sich die verloren gegangene Lebensqualität im öffentlichen Raum verbessern? Diese Fragen standen im Mittelpunkt von Gesprächen mit PassantInnen und AnrainerInnen des Viertels. Sie wurden in Workshops und Vorträgen behandelt und von Studierenden untersucht. Lösungsansätze wurden in sogenannten Experimentation Labs auf ihre Umsetzbarkeit getestet und viele andere Überlegungen wurden leidenschaftlich diskutiert.

So entstand die Idee von den Bänken, die – das ergaben Befragungen im Viertel – Junge wie Ältere vermissen. „Was, wenn wirklich jeder so eine Bank hätte?“ Die Idee faszinierte die vier von Brauchst. Sie begannen mit dem Bau von Prototypen aus robusten Schalungsplatten und präsentierten die knallgelben Stadtmöbel beim großen Finale „Fünf Tage Jakomini“ im Mai 2016. Die Idee kam gut an. Sehr gut. Will heißen: Die Bänke fanden rasch AbnehmerInnen. Ein paar blieben zwischen Schönaugasse und Klosterwiesgasse, andere wurden über die Viertelgrenzen exportiert.
Vielleicht werden es irgendwann ja wirklich 280.000 Bankerl für Graz. Wer weiß. Der Support für die Idee wächst jedenfalls. Neben Brauchst, Studio Magic, Human Cities und dem Verein Jakominiviertel wird die Initiative auch vom Plattenhersteller Doka unterstützt. Die ersten 100, die im Teamwork geplant und hergestellt hat, sind fertig und werden am 29. April bei einem Fest verschenkt.

280.000 Bankerl für Graz – Das Making off

Brauchst from Rainer Edler on Vimeo.

Fotos: Studio Magic, Brauchst, Jakominiviertel

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