Raum für die Jungen

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caritas graz jugendstreetwork 1

Jugendliche haben es oft nicht leicht. Im Elternhaus, im System, in der Gesellschaft. Verständnis finden die jungen Menschen bei Einrichtungen wie der Jugendstreetwork der Caritas am Jakominiplatz 1. Verständnis und Raum.

Ein Ort, an dem sich Jugendliche aufhalten können ohne etwas konsumieren zu müssen. Im Stadtzentrum leider kaum auffindbar. Das führt dazu, dass viele Leute mit kleinem Budget in den eigenen vier Wänden bleiben. Aber was bleibt den Jugendlichen, die im Elternhaus mit unzumutbaren Zuständen zu kämpfen haben oder sich einfach nicht verstanden fühlen und daher ungern zu Hause bleiben – geschweige denn jemanden zu sich einladen? Sich im Kaffeehaus zu treffen ist eine Option, auf Dauer aber für Jugendliche und SchülerInnen ohne Einkommen zu kostspielig. Auf der Straße oder in Parks wird es gerade in den kühleren Monaten mehr als unangenehm.

Um Orte zu schaffen, an denen es keinen Konsumzwang gibt und Heranwachsende ihre Freizeit verbringen können, wurden Jugendzentren gegründet. Die Jugendstreetwork der Caritas am Jakominiplatz 1 geht einen Schritt weiter: SozialarbeiterInnen unterstützen junge Menschen bis 21 in schwierigen Lebenssituationen und betreiben Fallarbeit. Sprich, wenn ein junger Mensch explizit darum bittet, können Streetworker in Zusammenarbeit mit den Behörden, wie dem Jugendamt, versuchen, die Betroffenen aus ihrer misslichen Lage zu holen oder zu helfen, die Situation zu verbessern.

Hier können sich die Jugendlichen ausleben – solange das, was sie tun legal ist.
Hier können sich die Jugendlichen ausleben – solange das, was sie tun legal ist.
Beziehungsarbeit
Helmut Steinkellner ist seit 16 Jahren bei der Caritas als Streetworker tätig. In einer Einrichtung, die grundsätzlich für alle frei zugänglich ist. „Jugendliche, die herfinden, kommen aus freien Stücken. Ihnen ist es überlassen, ob sie anonym sein wollen und ob sie wiederkommen.“ Wer kommt, kann Tischfußball spielen, seinen Ärger am Boxsack loswerden, sich frisch machen oder einfach eine Pause einlegen.

„Die Jugendlichen können kommen und gehen, wann es ihnen passt. Aber es gibt immer einen Grund, warum sie da sind, und wir versuchen diesem nachzugehen“, erzählt Steinkellner. Meist sind es Beziehungsprobleme, denn viele der BesucherInnen haben bereits im jungen Alter Beziehungsabbrüche verkraften müssen, in der Familie oder weil sie Schule oder Lehre abgebrochen haben. In der karitativen Einrichtung treffen die Jugendlichen auf Ansprechpersonen, denen sie sich anvertrauen können. Genau das fehlt Heranwachsenden aus sozial benachteiligten Verhältnissen nämlich am allermeisten – eine Vertrauensperson. „Ich werde manchmal gefragt, wie viele Jugendliche ich gerettet oder wie vielen ich geholfen habe. So kann man den Erfolg von Streetwork allerdings nicht messen. Am ehesten würde ich den Erfolg an den Beziehungen messen, die auch halten.“

Wie das bei der Jugend ankommt? Das Freizeitangebot in der Location, sagen zwei junge Männer, einer 16 und der andere 17. Und sie schätzen es, dass sie hier Ansprechpersonen finden, denen ihr Wohlergehen wichtig ist. „Es ist schön zu wissen, dass im Ernstfall jemand hinter mir steht.“

Jugendstreetwork Graz: Vertrauenspersonen
Jugendstreetwork Graz: Einfach da sein

Wie er als Streetworker die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben schafft?  Die Trennung, meint Steinkellner, sei notwendig, noch wichtiger aber seien Grenzbereiche, in denen beide Welten verschwimmen. „Speziell mit Jugendlichen werde ich schnell unglaubwürdig, wenn ich nur für sie da bin, um meinen Job zu machen. Sie merken das ja sofort. Irgendwann stellen sie sich die Frage, ob ich mich mit ihnen unterhalten will oder ob sie nur ein Auftrag sind, der abgearbeitet werden muss.“

Ein zweites Zuhause für alle, die kommen...
Ein zweites Zuhause für alle, die kommen…
Brauchst du was?
Wer das Jugendzentrum betritt wird freundlich empfangen. Die geräumige Einrichtung ist mit Postern und Schildern geschmückt. Direkt am Eingang hängt ein Bild eines Mannes, der ein Schild mit der Aufschrift „Brauchst Du Was“ hochhält. Ganz nach diesem Motto fragen Streetworker, ob sie etwas anbieten können. Nicht aufdringlich und nicht reserviert. Wer hierher kommt, hat wirklich freie Wahl. Sei es ein gemütlicher Nachmittag oder ein ernstes Gespräch. Gelbe Wand, rote Stehsessel und die eine oder andere Pflanze zwischen Sofa und TV verleihen dem Zentrum einen harmonischen Touch. Hier können sich die Jugendlichen sicher und geborgen fühlen. Hier können sie ihre Meinung frei aussprechen. Steinkellner schmunzelt ein wenig, während er von den Pubertierenden erzählt, die sich selten ein Blatt vor den Mund nehmen. „Das Schöne und zugleich Herausfordernde an der Arbeit ist, dass Jugendliche überhaupt keine Hemmungen davor haben, etwas direkt zu sagen. Erwachsene manipulieren sich selbst – während junge Leute das aussprechen, was sie denken.  Und das ist okay so.“ Sie können kommen, das WLAN nutzen, sich mit Freunden treffen und auch Provokatioinen rauslassen –  jugendliches Trotzverhalten, das in der Öffentlichkeit oder im Elternhaus nicht unbedingt gut akzeptiert ist, hat hier seinen Platz. Konsequenzen und Ermahnungen gibt es im Zentrum nicht. Ganz im Gegenteil – um freie Meinungsäußerung wird gebeten.

Goldene Regel im Miteinander: Gegenseitiger Respekt. Jugendliche, die aus irgendwelchen Systemen herausfallen – also die Schule oder ihre Lehre abgebrochen haben, haben ihre Gründe dafür und eine Meinung dazu. Daher war Streetwork für Steinkellner schon immer eine politische Angelegenheit, in der junge Menschen, denen sonst kaum zugehört wird, ans Wort kommen.

Und das Ziel?
Klar definiert ist die Aufgabe eines Sozialarbeiters nicht. Junge Leute dazu zu bringen, dass sie einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten, ist für viele Außenstehende das einzige erstrebenswerte Ziel. „In vielen Fällen unrealistisch“, sagt Steinkellner. Wenn beispielsweise ein Suchtmittelabhängiger vor den Feiertagen, an denen auch das Jugendzentrum geschlossen hat, eine Krise durchmacht und die Gefahr bestünde, dass er überdosiert, dann ist es schon ein Erfolg, wenn er am Leben bleibt. „Alleine, dass ein Mensch existiert, ist ein Erfolg. Ich weiß, dem können manche Menschen nicht folgen.“

Als Streetworker hat sich Steinkellner schon um einige herzzerreißende Fälle gekümmert und heikle Situationen erlebt. Ob man dafür eine dicke Haut braucht? „Ja klar. Aber jemand, der den ganzen Tag bei der Magna am Fließband steht braucht doch auch eine dicke Haut, oder?“

Foto: Jakominiviertel, Jugendstreetwork Graz

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Hobby-Zynikerin und Essensliebhaberin. Kronenfetischistin und Serienjunkie. Eigentlich ein typischer Millennial, nur schreibt sie auch gelegentlich. Studiert derzeit irgendwas mit Medien.

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