Fast wie neu

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Im Leben von Erika Thümmel spielt der Kontrast zwischen Vergangenheit und Zukunft eine zentrale Rolle. Als Restaurateurin gibt sie alten Kunstgegenständen eine neue Chance. In ihrem Haus erhält sie ein Stück Grazer Stadtgeschichte am Leben und engagiert sich als Obfrau des Vereins Jakominiviertel für das Grätzel.

Die rote Fassade von Erika Thümmels Haus und der Blick durch das Schaufenster ihres Ateliers lassen schon im Vorfeld vermuten, dass das Innere dieses Gebäudes alles andere als langweilig ist. Hinter dem Haus erwartet Gäste kein klassischer Innenhof, sondern ein großer Garten, in dem hochgewachsene alte Bäume Schatten spenden und Gemüse angebaut wird. Daran vorbei führt der Weg zu Thümmels Wohnraum.

Auf dem Herd sitzt ein Kessel und verströmt den Duft der orientalischen Teemischung, die sie im Teeparadies direkt auf der anderen Straßenseite besorgt hat. Im Wohnzimmer nehmen prall gefüllte Bücherregale die ganze Wand ein. Den restlichen Platz teilen sich alte Gemälde mit zeitgenössischen Bildern und Kunstgegenständen. Ihre beiden Haustiere Minz und Maunz, benannt nach den Katzen aus einer der Struwwelpeter-Geschichten, haben es sich auf dem Heizkörper bequem gemacht. Es ist gemütlich.

Zuhause im Jakominiviertel

So einladend hat es hier allerdings nicht immer ausgesehen. „Das Gebäude war früher sehr heruntergekommen. Die Bauspekulanten sind schon herumgekreist“, erinnert sich Thümmel. Durch viel Recherche und Arbeit gelang es ihr, den ehemaligen Bäckereibetrieb zu renovieren und dennoch den alten Charme zu erhalten. Sie entstammt selbst einer Familie von BäckerInnen und sollte ursprünglich den Familienbetrieb übernehmen. Ihr Urgroßvater, nach dem die Franz Steiner Gasse benannt wurde, gründete die „F. Steiner Brotfabrik“, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Noch während Thümmels Schulzeit lenkte eine Fernsehdokumentation über die Restaurierung der niederösterreichischen Schallaburg ihr Interesse jedoch in eine andere Richtung. Sie entschied sich dazu, den Betrieb nicht zu übernehmen und Restaurateurin zu werden.

jakomini hinterhofKunst als Beruf

Mittlerweile ist Thümmel seit mehr als 30 Jahren in diesem Bereich tätig. Bevor sie vor sechs Jahren in das Jakominiviertel zog, arbeitete sie in einem klassischen Hinterhofatelier in Eggenberg. Dass PassantInnen ihr und dem sechsköpfigen Team heute durch das große Auslagenfenster bei der Arbeit zusehen können, war anfangs gewöhnungsbedürftig. Nun sitzt sie abends allerdings gerne in der hell erleuchteten Auslage am PC und kümmert sich um Kostenvoranschläge oder recherchiert.
Durch die hoch frequentierte Umgebung ist Thümmels Auftragslage mittlerweile breiter gestreut. Neben größeren Aufträgen, für die es Ausschreibungen gibt, hat sie heute mehr Laufkundschaft. „Der Handel mit Handwerk und Kunsthandwerk boomt“, erzählt die Spezialistin. Sie vermutet, dass sich immer mehr Menschen von Billigware abwenden und vermehrt heimische Betriebe unterstützen wollen.

Früher kamen oft Privatleute mit Bildern zu ihr, in der Hoffnung, sie nach der Restaurierung mit Profit weiter verkaufen zu können. Mittlerweile macht sie allerdings immer öfter gegenteilige Erfahrungen. Ältere Leute bringen ihr nun meist Bilder, die kaum materiellen, aber hohen ideellen Wert haben. Diese KundInnen wünschen sich, dass ihre Nachkommen die Bilder später wegen des guten Zustands als Andenken behalten.

Erika Thümmel_Garten_ Jakominiviertel _ Foto D Jakob

Obwohl sie das Restaurieren alter Gegenstände und die Geschichte ihres Hauses liebt, ist Thümmel auch der Bezug zum Jetzt wichtig. Darum betätigt sie sich künstlerisch und unterrichtet an der FH Joanneum im Studiengang Ausstellungsdesign. Als Obfrau des Vereins Jakominiviertel setzt sie sich dafür ein, dass das Viertel als attraktiver Wohn- und Wirtschaftsstandort wahrgenommen wird. Mit dem wachsenden Interesse von GroßanlegerInnen hält sie es aber für wesentlich, dass die Interessen der AnrainerInnen im Jakomini in Zukunft nicht hinter denen der InvestorInnen angestellt werden. Auch ihre Wohnung hat sie mit Blick auf die Zukunft ausgewählt. „Der Garten ist ein super Ort zum Altwerden“, findet die Restaurateurin.

Marion Kirbis

Fotos: Jakominiviertel/Marion Kirbis, Daniela Jakob

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