Der Bücher-Wolf

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„Erhältlich im gut sortierten Buchhandel“, heißt es, wenn von Literatur die Rede ist, die sich weniger um den Mainstream kümmert und dafür Leserinnen und Leser gewinnen will.

Wolfgang Wagner nimmt das wörtlich und wählt die Exemplare, die er in seiner neuen Buchhandlung in der Jakoministraße anbietet, tatsächlich mit Bedacht. Bei der Voreröffnung im „Bücher-Wolf“ sprach Marion Kirbis mit dem Philologen über Buchcover, Nischen und Empfehlungen des Hauses.

Die ersten Bücher liegen bereits in der Auslage und im Inneren des roten Hauses sortiert Wolfgang Wagner gerade ausgewählte Exemplare in die Regale. In Kürze ist die Jakoministraße nämlich um einen Buchladen reicher: direkt neben Erika Thümmels Atelier in der Jakoministraße 9. Vor der offiziellen Eröffnung lud Wagner vor kurzem Bekannte und Leute aus dem Jakominiviertel zu einem gemütlichen Warmup. Bei Plattenspielermusik – „ein analoges Zeichen in unserer digitalen Welt “ sprach man da natürlich über Literatur im Speziellen und die Zukunft des Buchhandels im Allgemeinen und die Arbeit, die hinter einer Geschäftseröffnung steckt. „Die Leute sind ja sonst nur fix fertige und perfekt designte Geschäfte gewohnt“, meinte der Bücherenthusiast.

Buchhändler, Philologe, Philosoph & Leser

Wagner ist kein Neuling in der Bücherbrache. Von 2006 bis 2011 war er für die Buchhandlung „Wendepunkt“ in der Josefigasse verantwortlich. Der Büchertreff galt lange ein Fixstern am Grazer Lesehimmel und als eines der am besten sortierten Geschäfte mit alternativem Profil. In den „Bücher-Wolf“ bringt Wagner nun Kompetenz aus der Branche und Erfahrung mit Verlagen und Lieferungen mit. Einen besonderen Mehrwert bietet er ebenso auf inhaltlicher Ebene, denn als Germanist und Philosoph bringt er Wissen und Liebe zum gedruckten Wort mit.

„Ich komme selbst eher von der Seite des Lesers und nicht des Buchhändlers. Das hilft mir zu verstehen, was sich meine Kundinnen und Kunden wünschen“, meint der gebürtige Grazer und zeigt auf seine Bücherregale. In ihnen reiht sich nicht ein Buchrücken an den nächsten, sondern fast alle Werke liegen mit dem Cover nach oben da. Wagner ist es nämlich wichtig, dass der „Bücher-Wolf“ keine der „rappelvollen Buchhandlungen ist, in denen sich niemand zurechtfindet.“

Außerdem hat er während seiner Laufbahn im Buchhandel gelernt, dass Bücher besondere Präsentation und Raum brauchen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Wenn sich Autorinnen und Autoren vom Mainstream distanzieren, würden sie nämlich trotz hoher Qualität in der Masse untergehen. Besonders im persönlichen Gespräch, für das in großen Buchhandlungen oft wenig Zeit ist, legt er so den Leserinnen und Leser gerade solche Werke ans Herz.

Nischen für kleine und große LeserInnen

Neben Unterhaltungs- und philosophischer Literatur führt Wagner ausgewählte Kinderbücher – darunter etwa Barbapapa – und Comics, die er für ein unterschätztes Medium hält. Einen kleinen, feinen Schwerpunkt legt er auf das Thema Rockmusik. Neben den Werken qualitätsbewusster Verlage wie Merve, Milena und Orange Press nennt Wagner nicht zuletzt seine Kunden und Kundinnen als wertvolle Quellen, wenn es darum geht, gute Literatur zu entdecken. „Wenn ich Literaturempfehlungen von anderen bekomme, schaue ich mir die natürlich an und nehme sie gegebenenfalls in das Sortiment auf“, merkt er an, „Eine Buchhandlung soll ja kein literarischer Ego-Trip des Besitzers sein.“

Der Bücher-Wolf empfiehlt

Für den Jakominiviertelblog hat er einige besonders empfehlenswerte Bücher aus seinem vielfältigen Sortiment herausgesucht:

Die Entscheidung Naomi Klein_S. Fischer Verlag

  • Wilhelm Reichs „Charakteranalyse“ hält Wagner für ein nach wie vor lesenswertes Standardwerk der Psychologie.
  • Kalle Lasns Werk „Culture Jamming“ hinterfragt auf spannende Weise die Werbekultur großer Markenkonzerne.
  • „Psychotische Reaktionen und heiße Luft: Rock’n’Roll als Literatur und Literatur als Rock’n’Roll“ des legendären Rock-Kritikers Lester Bangs ist für ihn trotz des sperrigen Titels eine lesenswerte Sammlung journalistischer Texte.
  • Den Autor Philip K. Dicks handelt Wagner gar als den „Kafka der Science Fiction“ und legt Interessierten sein Werk „Ubik“ nahe.
  • Die beste Neuerscheinung? „Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima“, weil es Naomi Klein gelingt, ein prekäres Thema sehr lesenswert aufzuarbeiten.

Wagners Lesetipps sind charakteristisch für sein Sortiment – alternativ, kreativ, vielseitig und anregend. Aber am besten ist es wahrscheinlich, Sie nehmen sich Zeit und machen sich selbst ein Bild vom „Bücher-Wolf“.

Marion Kirbis

Foto: Jakominiviertel, S. Fischer Verlag

 

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